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Marie JaëllMarie Jaëll

„Un cerveau de philosophe et des doigts d´artiste“ (Franz Liszt)

“S’il y avait un nom d’homme sur vos partitions elles seraient sur tous les pupitres d’Europe !” (Camille Saint-Saëns)

Marie Jaëll, geb. Trautmann, wird am 17. August 1846 in Steinselz, einem kleinen Dorf nördlich von Strasbourg, geboren. Ihr Vater war Bauer und Bürgermeister von Steinselz.
Als 5-Jährige kommen vorbeiziehende Zigeuner und spielen auf ihren Instrumenten. Sie ist so begeistert, dass sie unbedingt ein Instrument erlernen möchte.
Vater und Mutter entscheiden sich für ein Klavier und als sie 6 Jahre alt ist, schenkt ihr der Vater ein Klavier, das mit dem Pferdekarren angeliefert wird. Sie beginnt zu üben, denn ihr sehnlichster Wunsch ist es, Pianistin zu werden.

Da sie sehr schnelle Fortschritte macht, entschließt sich die Mutter, mit der 8- Jährigen nach Stuttgart zu Herrn Prof. F.B. Hamma zu fahren, um die musikalische Ausbildung zu vertiefen.
Es zeigt sich immer deutlicher, dass die kleine Marie ein Wunderkind ist, sie gibt häufig in den damals üblichen Salons Konzerte und ihr wird von bedeutenden Musikern eine große Karriere vorausgesagt. Oft spielt sie auch zusammen mit dem jungen Geiger Wilhelm Bauerkeller. Die beiden Kinder erinnern an Wolfgang Amadeus Mozart und seine kleine Schwester Nannerl. Die stolze Mutter schneidet die Presserezensionen fein säuberlich aus und sammelt sie:
“Rien n'est plus charmant que de voir les doigts de Marie courir sur le clavier mignon lorsqu'elle accompagne son jeune ami dans la Sonate en fa de Beethoven...” (Courrier du Bas-Rhin du 13 novembre 1856).

Mit der erst zehn Jährigen zieht die Mutter nach Paris, wo Henri Herz, Professor am Musik Konservatorium, sie trotz ihres jugendlichen Alters als Schülerin annimmt. Sie reist viel, konzertiert im Elsaß, in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich, wird von der Königin Victoria von England nach London eingeladen und empfängt zum Dank für ihr wunderschönes Spiel aus der Hand der Königin kostbaren Schmuck.

Als 16-jährige darf sie sich endlich in das Pariser Konservatorium einschreiben und erhält noch im gleichen Jahr den ersten Preis. Die Konzerttätigkeit wird verstärkt, stets wird sie von ihrer Mutter begleitet. Sie trifft auf ihren Reisen viele andere Künstler, so z.B. in Baden- Baden den damals berühmten österreichischen Pianisten Alfred Jaëll, Schüler von Cerny, befreundet Brahms, N. Rubinstein, Liszt u.a. König Georg V. von Hannover hat Alfred Jaëll zum Hofpianisten ernannt. Aus der Bekanntschaft wird eine enge Freundschaft. Kurz vor ihrem 20. Geburtstag werden sie in der Eglise de la Madeleine in Paris getraut.

Marie gehört jedoch nicht zu den Frauen, die der Ehe ihre Karriere opfern. Gemeinsam mit ihrem Mann geht sie auf Konzerttournee, sie reisen kreuz und quer durch Europa, von Madrid bis Moskau, von Neapel nach Göteborg. In Paris spielt Marie Jaëll die franz. Erstaufführung von Schumanns Klavierkonzert.
Ihr Standort ist Paris und Leipzig, wo Alfred Jaëll am Konservatorium nach Moschele und Mendelsohn eine Klavier- Professur hat.
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Als 22-Jährige hört sie in Rom Liszt spielen und ist fasziniert: „J'avais tout à coup découvert qu'il existe une perspective dans l'audition des sons.“
(Ich entdeckte plötzlich, dass es eine Perspektive im Hören der Töne gibt)
Bald schon ist Franz Liszt ein häufig gesehener Gast bei den Jaëlls in Paris.
Sie stellt das gesamte Klavierwerk von Brahms vor, führt damit den dort noch Unbekannten in das Pariser Konzertleben ein.
Bedingt durch den Krieg 1870/71 entscheidet sich das Ehepaar Jaëll für Paris, Alfred gibt seine Professur in Leipzig und die Leitung der von Schumann gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“ auf. Hier in Paris leben ihre Freunde; Schriftsteller wie Mallarmé, André Gide, Paul Valéry u.a., hier sind die Künstlerkreise, in denen sie verkehren.

Die Komponistin:
Merkwürdigerweise ist es auch das Kriegsjahr 1871, in dem Marie sich mehr und mehr dem Komponieren widmet. Sie wird Schülerin von C. Franck und Camille Saint-Saëns, ihr Kompositionstil ist beeinflusst von der Deutschen Romantik. Ihre Kompositionen werden von der Kritik gut aufgenommen. Sie schreibt Werke für Klavier solo, Klavier für vier Hände (besonders gefeiert sind ihre „Walzer für 4 Hände“), Kammermusik in verschiedenen Besetzungen, Quartette, 2 Klavierkonzerte, ein Cellokonzert, Werke für Chor und Orchester, mehrere „Poème symphoniques“ und sogar eine Oper „Runéa“, die allerdings unvollendet blieb. Ihr Oeuvre- Katalog umfasst ca. 70 Werke.
Saint-Saëns sagte über ihr Werk: “S’il y avait un nom d’homme sur vos partitions elles seraient sur tous les pupitres d’europe !” („Wenn auf ihren Partituren der Name eines Mannes stünde, würden sie auf allen Pulten Europas liegen“)


Marie Jaëlls Ansehen wächst. Liszt gibt in Deutschland 1871 ihre „Walzer für 4 Hände“ heraus und spielt sie trotz der angespannten Kriegslage gemeinsam mit Camille Saint-Saëns in Bayreuth.
Marie Jaëll wird eine der ersten Frauen, die in die Société des Compositeurs de Paris aufgenommen wird, die Patenschaft, die für den Eintritt in die erlauchte Gesellschaft Vorbedingung ist, übernehmen Camille Saint-Saëns und Gabriele Fauré.
1882 stirbt ihr Mann. Im gleichen Jahr wird ihr Cellokonzert uraufgeführt.

Nach 1883 reist Marie Jaëll mehrfach nach Weimar zu Liszt. Sie vollendet auf sein Bitten hin den dritten „Mephisto- Walzer“ und korrigiert und schließt die „Faust- Sinfonie“ ab. Liszt wiederum besucht sie in Paris anlässlich der Aufführung seiner „Graner Messe“.
In den Jahren 1891 und 1892 spielt sie in Paris das gesamte Klavierwerk von Liszt. Anlässlich dieser Aufführungsserie sagte Saint-Saëns: “Il n’y a qu’une seule personne qui sache jouer Liszt, c’est Marie Jaëll”.
Wenige Jahre später spielt sie als erste alle 32 Klaviersonaten von Beethoven und dann das gesamte Klavierwerk Schumanns in Paris. Ihre letzte datierte Komposition schreibt sie 1917, mitten im Krieg: Harmonies d’Alsace. Pour petit orchestre.

Ab 1895 widmet sich Marie Jaëll mehr und mehr einem weiteren Interessengebiet: der Pädagogik. Die pädagogische Idee wurde ihr immer mehr zur Leidenschaft und sie verzichtete ihr zu Liebe mit 45 Jahren auf ihre weitere pianistische Karriere.
Mit wissenschaftlicher Akribie entwickelt sie ihre neue Methode, sie besucht an der Sorbonne Kurse in Physiologie und Psychologie, arbeitet in Experimenten zusammen mit dem damals bekannten Direktor Charles Féré vom „Hôpital Psychiatrique de Kremlin - Bicêtre“, dem Autor von „Mouvement et sensation“, bis zu dessen Tod.

Sie will weg vom reinen Virtuosentum. Sie hat intensive pianistische Erfahrungen gesammelt, hat die Komponisten wie Brahms, besonders natürlich Liszt am Klavier beobachtet, kannte das Spiel der großen Pianisten ihrer Zeit. Daraus entwickelt sie eine Methode, die nicht auf die Mechanik, sondern auf geistige Disziplin und taktiles Spiel Wert legt. Ihr Hauptaugenmerk legt sie auf den Kontakt der Fingerkuppen mit den Tasten, wie auch auf die Linienführung des Fingerabdrucks und der harmonischen Aneinanderreihung und Beziehung zwischen der Berührung und dem entstandenen Ton. Später kommen andere Aspekte hinzu, wie die innere Intensität und mentale Vorstellung.

“Dès que nous tirons une belle sonorité de l’instrument, un lien unit notre propre organisme à l’instrument et par lui à la musique”.
(Wenn es uns gelingt, aus einem Musikinstrument einen schönen Klang herauszuholen, so verbindet sich unser ganzer Organismus mit dem Instrument und dadurch mit der Musik.)

Bis zu ihrem Tod arbeitet sie an ihren pädagogisch- methodischen Ideen. Am 5. Februar 1925 stirbt sie in Paris, umgeben von Freunden, die bis heute ihre Arbeit im Rahmen der „Association Marie Jaëll“ in der Rue Philippe de Girard in Paris fortsetzen.

Wie wichtig auch das pädagogisches Werk von Marie Jaëll ist, bezeugen die vielen großen Pianisten, die sich an Ihrer Methode orientierten, wie Albert Schweitzer, Dinu Lipatti, Eduardo del Pueyo, u.a.


Das Cello Konzert entstand 1882 und wurde im gleichen Jahr von dem Cellisten Jules Delsart und dem „L´Orchestre Lamoureux“ mit großem Erfolg uraufgeführt. Dennoch wurde es seitdem nicht mehr gespielt und ist in Vergessenheit geraten. Das Werk entstand im Todesjahr von Alfred Jaëll. Einige Passagen, vor allem der Trauermarsch aus dem „Lento“, spiegeln dieses Ereignis wider.
 
Zunächst war das Konzert wohl in drei Sätzen konzipiert, „Moderato- Andante -Vivace“. Das „Lento“ wurde vermutlich etwas später hinzu gefügt.

Sebastian Foron hat das Werk in der Französischen Nationalbibliothek in Straßburg gefunden. Das Autograph ist in einem schlechten Zustand, teilweise unvollständig und so konnte die Partitur von ihm nur anhand der einzelnen Orchesterstimmen und des Klavierauszuges rekonstruiert werden, was sich besonders beim „Lento“ als schwierig erwies, weil leider von diesem Satz nur drei Seiten Partitur existieren. Die Orchestrierung auf der Basis des Klavierauszuges stammt von Sebastian Foron.

Die aufwendige Neuedition wurde 2011 bei den „ Haller-Bachtagen“ zum ersten Mal aufgeführt.

Ausschnitte des Konzertes für Violoncello und Orchester finden Sie unter „Hörbeispiele“.
 

 

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